Montag, 11. Dezember 2017
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Privatschulaufenthalte: Tagesschule oder Internat?

Tagesschule oder Internat
(Auszug aus dem Kapitel „Privatschulen“ des Handbuch Schulwelten)

Es gibt sowohl private Tagesschulen als auch private Internate. Letztere werden vor allem im englischsprachigen Raum als Boarding Schools bezeichnet. Die Kosten für einen Aufenthalt an einer Tagesschule im Ausland sind geringer als die Kosten, die für einen Internatsbesuch anfallen. Für viele Jugendliche ist die Option „Internat“ aufgrund der hohen Gebühren somit nicht wirklich vorhanden. Den finanziellen Aspekt außer Acht lassend, gibt es Argumente, die für eine Tagesschule oder für ein Internat sprechen können. Diese Argumente sollten individuell abgewogen werden.

Der Besuch einer privaten Tagesschule bringt es mit sich, dass der Gastschüler bei einer Gastfamilie lebt und morgens, nach Schulschluss und an den Wochenenden am Familienleben teilnimmt. Viele deutsche Jugendliche schätzen den Familienanschluss und die Präsenz von erwachsenen „elterlichen“ Ansprechpartnern in der Fremde. Sie genießen es, Teil einer Familie zu sein, die in der Kultur des Gastlandes verwurzelt ist. Im Idealfall entsteht nach ein paar Wochen oder Monaten das Gefühl, ein zweites Zuhause gefunden zu haben. Regeln werden akzeptiert und oft auch kleinere Haushaltspflichten übernommen. Das Zusammenleben wird – im positiven Sinne – zum Alltag.

Für einen großen Teil deutscher Gastschüler macht gerade die Kombination von Schul- und Familienalltag den Reiz eines Aufenthalts im Ausland aus. Die Mehrheit fühlt sich wohl bei ihrer Gastfamilie. Es gibt aber auch immer wieder Fälle, in denen entweder der Gastschüler oder die Gastfamilie oder eben beide Seiten unzufrieden sind. Dies kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Manchmal kommt der Gastschüler mit der Familienkonstellation oder mit dem sozialen Status, der ethnischen Herkunft oder der Religionszugehörigkeit der Gastfamilie nicht zurecht; oft einfach, weil er sich etwas anderes erhofft hat. In anderen Fällen empfindet er vielleicht den Familienalltag als zu passiv („mit mir wird nichts unternommen“) oder als zu aktiv („die jüngeren Gastgeschwister wollen ständig mit mir spielen und es wird erwartet, dass ich zweimal die Woche mit in die Kirche gehe“). Immer wieder stimmt einfach die Chemie zwischen Gastfamilie und Schüler nicht – selbst wenn sich beide Seiten Zeit geben, um sich aneinander zu gewöhnen. Oder es kommt zu Neid seitens der Gastgeschwister. Wenn die nachvollziehbare Notwendigkeit besteht, kann ein Gastfamilienwechsel stattfinden. Fällt die Entscheidung für den Besuch einer privaten Tagesschule und damit für das Leben bei einer Gastfamilie, muss der Schüler die Bereitschaft mitbringen, sich in die Familienstrukturen und Gewohnheiten einer „neuen“ Familie einzufinden.

Attraktiv am Internatsleben erscheinen vor allem das permanente Zusammensein mit Gleichaltrigen und das dadurch entstehende intensive Gemeinschaftsgefühl. Wer hat nach der Lektüre von Büchern wie Harry Potter oder Hanni und Nanni nicht schon einmal davon geträumt, seine besten Freunde 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche zu sehen? Das Gefühl, ständig Leute um sich zu haben, kann jedoch zu Beginn des Aufenthalts gerade für eher zurückhaltende Jugendliche durchaus anstrengend sein und birgt insbesondere im Alter der Pubertät und in den Jahren des Erwachsenwerdens Konfliktpotenzial. Zugleich lernen die Jugendlichen im Umfeld des Internats aber genau dadurch, zwischenmenschliche Konflikte eigenständig zu lösen, Streitigkeiten beizulegen und miteinander auszukommen. Schwierig mag auch die Anpassung an einen strikt vorgegebenen Tagesablauf und das Einhalten der Internatsregeln sein. Nicht alle deutschen Jugendlichen, die vergleichsweise liberal aufwachsen, finden sich im System eines Internats zurecht. Mit der ganz eigenen, kleinen, zumindest oberflächlich heilen Welt des Internats können sie sich nicht oder nicht sofort identifizieren. Für andere hingegen ist gerade dieser Mikrokosmos reizvoll. Er bietet ihnen die einmalige Gelegenheit, selbstständiger zu werden und zugleich Rückhalt in einer Gemeinschaft zu finden, besonders intensive Freundschaften zu schließen, an ein und demselben Ort zu lernen und zu leben und Hobbys direkt vor der Tür nachgehen zu können.

Da ausländische Privatschulen mit angegliedertem Internat – vornehmlich in den USA und Kanada – darauf bedacht sind, ihre Boarding-Kapazitäten auszuschöpfen, bieten sie internationalen Schülern tendenziell nur die Unterbringung im Internat an. Als Tagesschule stehen diese Schulen oft nur den einheimischen Schülern aus der Umgebung offen. Es gibt zudem länderspezifische Eigenheiten: Während in Großbritannien der Besuch einer Privatschule für den Großteil der deutschen Schüler dort meist gleichbedeutend ist mit einem Internatsaufenthalt, ist in Australien und Neuseeland die Unterbringung bei einer Gastfamilie üblicher.

Unabhängig davon, ob die Entscheidung zugunsten der Variante Gastfamilie oder der Variante Internat fällt: Beide Varianten erfordern ein gewisses Maß an Selbstständigkeit und Anpassungsbereitschaft sowie Offenheit Neuem gegenüber.

Im Kapitel „Vor Ort“ wird der Alltag bei einer Gastfamilie sowie in einem Internat in Bezug auf Tagesablauf, Essen und Mahlzeiten sowie Wohnen beschrieben. Ebenfalls eingegangen wird auf die Aspekte Alltagskleidung und Schuluniform sowie Partys, Drogen und Sexualität.

 



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